Alles Schwindel!

"Ein Traum wird wahr" — das ist das Grundmotiv so gut wie aller Romane, Filme, Kunst- und Kulturprodukte. "Ein Traum wird wahr" — das heißt, es gibt eine Hauptfigur, einen Helden (oder eine Heldin) oder eine Gruppe, und es gibt eine Handlung, die in einer Entwicklung voranschreitet. Happy-End oder nicht — meistens aber ein Happy-End —, jedenfalls wird ein Sinn, eine Bedeutung vorgestellt, man nennt das auch Handlungslogik.

Ein typisches Beispiel sind die Hollywoodfilme. Daß "der Traum wahr wird", hatte ich immer als symbolisch verstanden: als Gleichnis für den inneren WEG. Jeder "Traum, der wahr wurde", ob von Liebe, von Erfolg, von Reifung, von persönlicher Erfahrung, stand in meinen Augen für das Erreichen des höchsten Zieles, das Erreichen und Einswerden mit Wahrheit.

Damit "ein Traum wahr wird", ist Veränderung und Entwicklung unverzichtbar. Ohne Zukunft gibt es keinen Fortschritt. Und keine Hoffnung. Der Mensch schien mir dazu da, sein wichtigstes Ziel, seine eigentliche Bestimmung zu erreichen, so wie ein Wanderer seinen Bestimmungsort erreicht, und sei es auch erst nach einer langen und entbehrungsreichen Wegstrecke. Die Filme und die Romane sind auf diese Zielorientierung angewiesen — ohne sie wären sie gar nicht denkbar. Szenen, die keine Abfolge darstellten, sondern stillstünden und nur um sich selbst kreisten, würden jedem Betrachter absurd und frustrierend vorkommen. Der Betrachter möchte sich mit der Hauptfigur identifizieren, und diese soll ihr Ziel erreichen, genau wie der Betrachter in seinem eigenen Leben sein Ziel zu erreichen hofft, selbst wenn er nicht einmal genau wüßte, um welche Art von Ziel es sich handelte. Aber das Gefühl, daß es so etwas gäbe, bleibt unverzichtbar.


Ich hatte nie gemerkt, wie tief derartige Grunderwartungen in mir eingeprägt gewesen waren. Ich hatte alles so gesehen: Zeit, Geschichte, jegliche Art von Abläufen und Geschehnissen. Da mußte ein Sinn sein, ein Weiterkommen, ein Erreichen — oder zumindest ein versuchtes Erreichen.

Neulich sah ich auf einem Bildschirm einen Zeichentrickfilm ablaufen mit genau diesem Muster von Erstreben und Verlangen, von "ein Traum wird wahr". Und da merkte ich zum ersten Mal, woher dieses Muster stammt. Denn: Was für ein "Traum" wird "wahr"? Mein Traum? Der Traum des Lebens? Ein Sinn? Der Lebenssinn? — und sei er auch nur symbolisiert und in irgendeinem reizenden Geschichtchen verpackt?

"Du mußt träumen, Du mußt Dein Leben mit einem Sinn füllen — nur dumme, abgestumpfte, apathische Menschen vegetieren vor sich hin! Der ernsthafte, spirituelle, einsichtige Mensch setzt sich Ziele und wächst über sich hinaus. Er macht etwas aus seinem Leben." Genau das hatte ich immer im Ohr gehabt, und es war mir wie eine wichtige und kluge Errungenschaft erschienen.

Es wirkt irgendwie heroisch und großartig, wenn sich einer sein Leben lang Liebe ersehnt, und am Ende erreicht er sie. Oder wenn ein Wissenschaftler seine Entdeckung macht oder ein Baumeister mit einem besonderen Gebäude seinen Lebenstraum verwirklicht. Je schwerer der Weg dahin, je größer die Hindernisse, die sich ihm entgegenstellen und die er durch zähes Bemühen nach und nach überwindet, umso befriedigender seine Ankunft am Ziel. Da laufen jedem Betrachter Schauer über den Rücken und er erkennt im Erleben des anderen sein eigenes Hoffen und Suchen.

Dem Urheber dieses Traumes, der wahr werden soll, auf die Spur zu kommen, heißt, dem tiefsten Antrieb des Ichs auf die Spur zu kommen. Es ist ein Krampf und ein Schwindel. Es ist wahrhaftig bloß Hollywoodquatsch. Aber es ist in allen Köpfen! Was passiert denn ohne diese Projektion? Ja, da bricht tatsächlich eine Welt zusammen.


Diese Vorstellung, daß etwas Neues mit einem zu passieren hätte, und daß da ein Ziel auf einen warten würde — sie ist wie eine kraftvolle Droge. Es ist nicht nur ein Traum, es ist der Traum überhaupt. Ich drehe das ganze Bild jetzt einmal um und schaue nicht in die Zukunft, sondern dorthin, wo ich herkomme. Was fehlte dort, was die Zukunft noch zu bringen verspricht? Worin genau soll der Unterschied bestehen? (Und ich meine genauso die Zukunft, die darin bestehen soll, einen früher — angeblich — einmal verlorenen Glücks- oder Unschuldszustand wiederzufinden.)

Eines wird mir immer klarer: daß nichts Neues passieren wird. Daß dieses ganze Warten und Hoffen und Spekulieren auf irgendetwas "Neues" überhaupt irreführend ist. Was soll denn "Neues" kommen, was so grundsätzlich anders zu sein hätte als das, was schon war und immer schon gewesen ist? Nein, es wird gar nichts "Neues" kommen, sondern es kommt immer dasselbe, höchstens in neuer Form.

Das einzige wirklich Interessante, was überhaupt jemals "kommen könnte", das ist die Entdeckung dessen, was nicht nur vorher schon da war, sondern was immer da ist (denn Vergangenheit existiert nicht, nur Gegenwart). Das, was immer da ist und immer schon da war, das ist das einzige, um was es sich lohnt, ein Aufhebens zu machen. Das hat absolut nichts mehr mit Träumen zu tun, und es ist schon gar kein Traum, der irgendwann einmal "wahr zu werden" hätte. Sondern dieses, was ich bin (und immer schon war), und was das einzige Echte ist (und jemals sein wird, in jeglicher noch zu erwartenden "Zukunft"), ist erst in Reichweite, wenn dieses Denken in Zielen und in noch zu verwirklichenden Traumvorstellungen (vom glorreichen Sieg des Ich oder was dergleichen auch immer) ein für allemal endet. Wenn der Hollywoodkitsch, und sei es in Form des zu sich selbst findenden Ich, oder in Form der noch zu entdeckenden Wahrheit, Selbsterkenntnis, Erleuchtung, Verwirklichung etc., seine Anziehungskraft endgültig verloren hat. Wenn kein Streben mehr da ist.


Ich hatte es nicht gemerkt, was da unterschwellig im Gange gewesen war. Ich hatte gerne mitgeträumt und das alles ziemlich faszinierend und bedeutsam gefunden. So wie alle anderen auch. Nicht so zu denken war mir (wie allen anderen auch) als abscheuliche Resignation vorgekommen, geradezu als Kapitulation und Selbstauslöschung. Man könne so nicht denken, hatte ich gemeint, weil man sonst unweigerlich depressiv und haltlos werden müsse. Und es sind diese automatischen Annahmen, die einen daran hindern, die Sache überhaupt zu betrachten. Es ist nämlich ganz einfach, geradezu lächerlich einfach: Man braucht es nur mit frischem Blick zu betrachten, und alles klärt sich ganz von selbst.

Es ist wirklich lächerlich. Und wer fällt nicht alles auf einen solchen Schwindel herein!? Die Geschichtchen sind großartig, abenteuerlich, inspirierend. Man fühlt sich angefüllt mit Lebensfreude und Begeisterung durch sie. Und genau so funktioniert die Suggestion, die jeder selbst sucht und aufrechterhält. Die Wahrheit wirkt dagegen wie ein Eimer kalten Wassers mitten ins Gesicht. Aber das sind zwei ganz verschiedene Dinge. Man schaut dahinter, wenn man es einmal auf diesen ernüchternden Wasserguß ankommen läßt. Und plötzlich kehrt sich alles um. Alles, was in die Geschichtchen und in die Träume und Wunschfantasien gepumpt wurde, kehrt langsam zurück und füllt die eigene trockene, nüchterne Jetzt-Existenz mit Leben an. Und es ist eine ganz andere Wahrnehmung. Es sind tatsächlich zwei verschiedene Welten.

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