Die gängige Wirklichkeit

Im Fitneß-Studio hörte ich, wie ein Trainer zu einem neu anfangenden Mitglied sagte: "Dann haben wir jetzt zwar noch kein Programm für eine Dreiviertelstunde zusammenbekommen, aber zumindest wissen wir nun das Ziel: Auf eine Trainingszeit von einer Dreiviertelstunde hinzusteuern."

Die Denkweise, die sich hier an diesem simplen Beispiel zeigt, ist genau die Art und Weise, wie so gut wie alle Leute leben. Es erscheint so normal und selbstverständlich, so zu denken, daß keiner mehr merkt, was eigentlich dahintersteckt. Es ist dieses typische Muster: Sich von der eigenen Realität abzukoppeln und etwas vom Verstand her überzustülpen, das dann die Stelle der Realität einnimmt, und zwar so, daß jeder alsbald fest überzeugt ist, dies sei die eigentliche Wirklichkeit. Und die Haupteigenschaft und eigentliche Achse dieser neu projizierten Wirklichkeit ist, daß etwas auf eine andere als die natürlich gegebene Art zu sein hat. Damit sieht es dann so aus, als käme Bedeutung hinein. Einfach nur das zu tun, was gerade anfällt, erscheint dagegen geradezu lächerlich banal, erscheint absurd, bequemlich, dumm und unpassend. Das Ziel, das so gut klingt, daß man sich ihm sogleich widmen möchte, erscheint dagegen interessant und vielversprechend.

Warum trainiert er? Um auf eine Dreiviertelstunde zu kommen. Was ist denn überhaupt eine Dreiviertelstunde? Eine bloße Idee. Zahlen. Ich trete die Pedalen des Fitneßgerätes und blicke auf die Anzeige, da steht: 19 km/h. 20 km/h sind aber mein Ziel, also muß ich schneller treten und mich anstrengen. Warum? Weil ich ein Ziel brauche, und dieses Ziel führt mich dahin, daß meine Muskeln wachsen. Warum sollen meine Muskeln wachsen? Damit ich fitter werde, gesünder, dynamischer — damit ich besser aussehe und mich wohler fühle.

Was für ein Schwachsinn, so zu denken! Die Dinge werden nicht getan, weil man sie im Moment tun möchte, sondern sie werden aus sogenannten Gründen getan. Alles wird aus Gründen getan. Wo kein Grund ist, da ist Nirwana, Chaos, die Leere des Sinns und der Lebenslogik — da drohen Wahnsinn, Verirrung, Ratlosigkeit, Untergang. Der Mensch muß sich zusammennehmen, seinen Willen mobilisieren und dynamisch werden; er wird sich aufraffen und anstrengen und dann wird er die Früchte ernten können. Ohne Fleiß keinen Preis.

Die ganze Sache geht bloß vom Kopf aus. Nicht nur hier — das Beispiel ist wirklich sehr banal und erscheint völlig harmlos und nebensächlich. Aber wer hier so denkt, der denkt bei allem anderen auch so! Genau das muß man sich klarmachen und wirklich verstehen. Man kann nicht nur einmal so denken und dann wiederum nicht, sondern hier, bei diesem Leben nach mentalen Vorgaben, geschieht die grundsätzliche Ausrichtung des eigenen Lebens, und der scheinbar so kleine Unterschied, der durch diese scheinbar so kleinen, nebensächlichen Gedanken im Kopf ausgelöst wird, verändert alles.

Dieses neue Mitglied wird jetzt die nächsten Monate fleißig trainieren, um auf eine Dreiviertelstunde zu kommen. Er wird sich vermutlich besser fühlen, und er wird sich bestätigt fühlen, daß er auf dem richtigen Weg ist. Aber er wird eines nicht merken: Daß in seinem Kopf ein Krebsgeschwür sitzt und sich langsam ausbreitet. Das Krebsgeschwür einer falschen Denkweise, einer falschen Wirklichkeit. Und weil es fast allen genau so geht, fühlen sie sich noch umso sicherer und gerechtfertigter damit.

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