Richtiges und falsches Verhalten
So etwas wie richtiges und falsches Verhalten gibt es überhaupt nicht.
Die Frage danach, ob ein Verhalten gerade das richtige ist oder ob es
berechtigt, adäquat, ratsam, klug, notwendig oder dergleichen ist (oder falsch,
schlecht, kritisierenswert usw.) — diese Frage taucht nur auf, wenn das Augenmerk auf dem Handelnden und dessen Verantwortung liegt. Und dies wiederum entsteht nur, wenn der Handelnde unbewußt vorausgesetzt wird — wenn also die Frage, wer der Handelnde überhaupt ist, ausgeklammert bleibt.
Die Frage, wer der Handelnde überhaupt ist, hängt mit dem Denken im Subjekt-Objekt-Konzept zusammen. Wo dieses Konzept zugrundeliegt, ist der Handelnde ein klar abzugrenzendes Objekt (= der Körper, bzw. der mit dem eigenen Körper identifizierte Verstand). Und in dem Moment, wo
man sich das selbst zuschreibt, schreibt man es auch dem anderen zu.
Man sagt dann, der andere sei "verantwortlich". Was dann geschieht, ist die
Bewertung. Und die herkömmliche Bewertung ist immer moralisch.
Der Andere (als handelndes Objekt) ist immer "gut" oder "böse" bzw. "schlecht",
je nachdem, ob er gemäß den moralischen Erwartungen handelt oder nicht.
Geht man nun dem Handelnden ans Hemd, beginnt man zu untersuchen,
wer er überhaupt ist, bzw. ob er überhaupt existiert, dann erntet
man in unserer Kultur natürlich sofort den öffentlichen Aufschrei,
der menschlichen Schlechtigkeit würden Tür und Tor geöffnet — da könnte ja
nun gleich jeder daherkommen und nur noch tun, was ihm gerade beliebte.
Also auch das Allerschlimmste — denn dafür sei er ja dann genau so wenig
verantwortlich. Aber darüber nachzudenken (und solche Einwände ernst zu nehmen),
hieße, wieder zwei Ebenen zu vermischen: die Ebene, auf der das
Subjekt-Objekt-Konzept absolut gesetzt wird und die Ebene, auf der es sukzessive
erforscht wird und sich dabei nach und nach auflöst. Die Ebene,
auf der das Subjekt-Objekt-Konzept absolut gesetzt wird, hat ihre eigenen
Gesetzmäßigkeiten, und dazu zählen Moral, Eigenverantwortung, Richtig und
Falsch genau so wie Ich und Du, Ich und Welt, Ich und Gesellschaft, Ich und Gott
usw. Die andere Ebene, auf der das genauer untersucht wird, ist die
private und persönliche Ebene (die aber wiederum alles von diesen "äußeren"
Bereichen mit einschließt). Man kann diese Ebene auch die Ebene der
völligen Freiheit und völligen Ungebundenheit nennen. Natürlich gibt es
hier keine Moral (wie sollte es auch anders sein?). Die einzig interessante
Frage ist hier: Was ist an dieser Ebene dran? Ist sie nur ein abgehobenes
philosophisch-mystisches Konzept, eine Art Rechtfertigungshilfe für
absoluten Egoismus und für jede Art von Schlechtigkeit und Arroganz —
oder gibt es hier wirklich, wie behauptet, tiefere Einsichten zu finden,
als sie auf der anderen, äußerlicheren Ebene zu finden sind?
Das kann man nur herausfinden, indem man der Sache tiefer auf den Grund
geht — und damit verläßt man zugleich die Grundlage der herkömmlichen
Werte und Denkweisen und begibt sich in ein einsames, unverstandenes Land —
jenseits allen öffentlichen Beifalls, jenseits irgendeines noch zu
erwartenden öffentlichen Verständnisses.
Wer ist Urheber des Verhaltens? Wer verhält sich so oder so — wer entscheidet?
Woher kommen die Beweggründe des Verhaltens? Wieviel Kontrolle wird
darüber ausgeübt, und wer ist der, der kontrolliert?
Die einzigen Instanzen, die gefunden werden, sind synthetische mentale
Komplexe, die moralisch vorgeprägt worden sind. Zusätzlich baut sich
jeder seine eigenen Denkweisen auf — sein "Selbstverständnis". Aber das
sind nur Schalen einer Zwiebel, und je weiter man schält, desto weniger
erweist sich davon als echt oder sogar auch nur real. Es sind alles
gewohnheitsmäßige Vorstellungen. Der "Handelnde" wird nicht mehr
gefunden — je mehr man nach ihm sucht, umso weniger.
Ich habe festgestellt, daß es bei mir einen eindeutigen Mechanismus gab,
der meine Autosuggestion, Handelnder zu sein, stärkte oder wahrscheinlich
sogar überhaupt erst etablierte, und das war die moralische Bewertung des
Verhaltens anderer. Ich unterstellte ihnen immer Absicht — gute oder
schlechte Absicht. Das Wort Absicht allein hatte bei mir immer
einen stark moralisierenden Anstrich, so wie Kinder mit Fingern auf jemand
zeigen und rufen: "Das hat er auch noch absichtlich getan!"
Dadurch, daß ich das mit anderen durchexerzieren konnte und meine Stirn
darüber runzeln konnte, wie andere sich verhielten, fixierte sich mein eigenes
"Ich". Die anderen waren "schuld" — und ich natürlich nicht. —
Aber das
war nur die eine, sichtbare Seite. Die andere, unbewußte Seite bestand
dann darin, daß ich dasselbe Spiel mit mir selbst trieb. Beide Seiten
gehörten untrennbar zusammen. Die anderen waren ich selbst — ich
selbst war die anderen. Die anderen waren nur Projektionen dessen,
was ich selbst war. Es gab gar keine anderen — es gab nur hinausprojizierte
Schatten meines eigenen Selbstverständnisses. Die anderen waren nur die
Blaupause. Die anderen waren dazu da, über sie zu urteilen — und unbewußt und
ohne es je zu merken, urteilte ich dauernd über mich selbst. Das ganze Spiel
spielte ich nur mit mir selbst: richtig und falsch, berechtigt oder unberechtigt,
man sollte, man müßte, man dürfte nicht, man müßte eigentlich.
In Wirklichkeit war ich schuld, verhielt ich mich falsch —
und versuchte das mit richtigem Verhalten, mit guten Taten, mit
Erfolgen zu kompensieren.
Das Ich als "Handelnder" kann nur dadurch stabilisiert werden, daß diese
ganzen inneren Abläufe, die einen Großteil des Tages in Anspruch nehmen,
unbewußt und unbemerkt bleiben. Indem das so ist, steuert das
Ich sich selbst durchs Leben — das ist seine vermeintliche Rolle.
Natürlich klappt fast überhaupt nichts und immer wieder kommt das
große Zweifeln auf, ob ich nicht alles falsch mache, ob ich nicht
ein grundsätzlich falsches Leben lebe, und ob es nicht doch so ist,
daß ich gar nicht ich bin in dem, was ich da dauernd tue.
Dann will ich wieder frei werden von dieser falschen Rolle,
möchte das Gefängnis sprengen und wittere hinter jeder kleinen
Begebenheit die Chance, endlich mein wahres Ich zu zeigen.
(Bei den meisten Leuten ist es auch noch so, daß sie sich einreden,
es sei die "allgemeine Moral", die sie daran hindere — gäbe es die nur
nicht, dann könnten sie endlich "sie selbst" sein; zugleich beschleicht
sie dann aber das Mißtrauen und die Sorge, daß sie sich dann nur noch
als ungezügelt gierige und grausame Bestien entpuppen könnten. Und zugleich
danken sie der Moral, daß diese mit scheinbarer praktischer Vernunft dem
latent drohenden Unheil einen Riegel vorschiebt.)
Das Ich als "Handelnder" ist also im Kern Bewertung. Und schaut man einmal
genauer hin, dann agiert es gar nicht durchgehend (wie es sich selbst
einbildet), sondern es blitzt immer nur sporadisch auf, und zwar an
bestimmten kritischen Punkten. Diese Punkte sind, was die Menschen
unter Selbsterkenntnis und Bewußtheit verstehen — in Wahrheit sind sie
das genaue Gegenteil, eben weil es nur Momente sind, in denen der
bewertende Verstand das Ganze einordnet und daraus seine Schlüsse
zieht — wodurch wiederum neue Maßgaben und Pläne entstehen, wie man
ein besseres, erfolgreicheres oder glücklicheres Ich werden könne.
Das Ich reflektiert sich selbst, aber das ist weder Bewußtheit noch
echte Erkenntnis. Die echte Bewußtheit und die echte Erkenntnis
sind jenseits von Gedanken, Bewertungen und Projektionen — sie stellen
sich gerade erst in deren Abwesenheit ein.
Auf die vermeintlich spirituellen Bemühungen, ein solches
Ich zu läutern und wieder spontan und natürlich werden zu lassen,
möchte ich hier gar nicht erst eingehen — dann müßte ich Jahre und sogar
Jahrzehnte von Studien, Übungen und Anstrengungen rekapitulieren. Und
das kann allein schon deshalb übergangen werden, weil es sich als
in jeder Hinsicht nutzlos und fruchtlos erwiesen hat — es war einfach nur
Zeitverschwendung und basierte bloß auf einem übermäßig kultivierten
Selbstbild. Viele verbringen damit ihr ganzes restliches Leben und
glauben auch noch, dabei etwas besonders Wertvolles zu leisten, das sie
über jeden anderen Menschen hinaushebt.
Wenn es keinen Handelnden gibt, dann sind alle diese Manöver und
Versuche — genau so wie alle übrigen selbstbezogenen Handlungen
und Projekte des Lebens — mechanisch sich austragende Halluzinationen,
die automatisch der ihnen innewohnenden Energie folgen, bis sich
das Ganze irgendwann totläuft. Es ist Nichtwissen. Man schaut in
die falsche Richtung. Man schaut nach draußen — hin zu Zielen,
zu Vorstellungen, zu Hoffnungen und Wünschen.
Selbsterkenntnis ist nicht, sich selbst als unecht Handelnden
zu verdächtigen und die eigenen Motive ständig in Frage zu
stellen — das eigene Verhalten also mit kritischem Blick zu
beäugen und mit einem danebengehaltenen Idealbild von Güte und
Perfektion zu vergleichen. Selbsterkenntnis ist gar kein
Handeln und kein Verhalten. Jeder ist er selbst,
aber das Problem entsteht dann, wenn er daraus ein Problem macht.
Das Handeln geschieht und das Verhalten geschieht. Wer meint,
er wüßte nicht, wie es so etwas noch geben könnte, der braucht
sich bloß Kinder anzuschauen oder sich an seine eigene Kindheit
zurückzuerinnern. Dieses selbe Kind ist er immer noch! Und dieses selbe Kind wird er immer bleiben, bis zu seinem letzten Atemzug. Kinder haben kein Problem mit "dem Handelnden in ihnen". Sie sind es einfach.
Und Selbsterkenntnis ist auch kein Lernprogramm, wieder "dorthin" zurück zu gelangen. Weil wir natürlich immer noch dort sind! Wer dahin zurückzukommen versucht, hat ja schon wieder ein neues Problem, und ein unlösbares noch dazu. An der Frage, wie ich die
offenkundigen Schäden und Defekte, die ich erlitten habe, die mir
zugefügt worden sind, ohne daß ich etwas dafür konnte, und die ich
mir selbst zugefügt habe — wie ich davon wieder loskommen,
wie ich das deprogrammieren könnte, an dieser Frage bin ich
lange genug klebengeblieben. Man denkt dann immer, diese Frage wäre
die einzig wichtige — sie würde letztlich darüber entscheiden,
ob aus diesem eigenen Leben noch etwas werden würde oder nicht.
Wer wieder ganz natürlich und er selbst sein könnte, der hätte es geschafft — und alle anderen blieben dann behaftet mit der Falschheit und Unechtheit bis an ihr Lebensende und wären dazu verdammt, ein ebenso falsches und unechtes (und unerfülltes)
Leben zu leben. Man müßte also auf intelligente Art Selbstreinigung und
Selbsthygiene betreiben bis zur Wiederherstellung der eigentlichen
Person. Von diesem Ansatz lebt die Psychotherapie mit allen ihren
zahlreichen Schulen und Ablegern. —
Auch dieser Ansatz geht von außen nach
innen; auch dieser Ansatz proklamiert ein Ziel (und ein schwierig zu
erreichendes noch dazu). Und damit bringt er Zeit ins Spiel und Mühe und
Arbeit und Anstrengung. Vergessen wird, daß die Kulisse der Person genau
so wenig zählt wie die Kulisse des Körpers. (Denn auch den Körper
kann man ja schlecht völlig nach eigenen Vorstellungen von Reinheit und
Perfektion und Natürlichkeit zurechtmodeln — stattdessen wird er immer
älter und verfällt am Ende auch noch unweigerlich.)
Der einzige Ansatz, der wirklich intelligent ist (und viel intelligenter
als alle die scheinbar noch so intelligenten Ansätze der klugen
Psychologen und Denker, Lehrer und Aufklärer), besteht in der direkten
Einsicht in die Grundlagen, in die Basis, ins Fundament des Bewußtseins.
Dort existieren Zeit und Raum nicht, und dort gibt es hier und jetzt
die Wahrheit. (Alle andere Wahrheit ist immer relativ und damit beschränkt,
und ist daher, wenn man genau ist, nicht Wahrheit, sondern auch wieder
nur Irrtum und Täuschung.) Die Kulisse kann nicht wirklich von Bedeutung
sein. Nur der Kern ist von Bedeutung. Und der Kern ist leer. Es gibt keinen
Handelnden, es gibt kein "Ich", das gezielt und absichtlich agieren und manövrieren könnte — einfach weil alles geschieht. Und dann bleibt nur noch die Frage, ob dieses Wissen erinnert oder vergessen wird. Es ist immer wieder verfügbar, und jeder kann jederzeit wieder darauf zurückkommen. Es ist wie das Einsinken in eine tieferliegende Ebene, die ständig unter
einem ruht und darauf wartet, kontaktiert zu werden. Es ist ein erfüllendes Nachhause-Kommen.
Das geht dann immer hin und her. Gestern konnte ich besonders gut beobachten,
wie das immer hin und her ging. Früher hätte ich mich geärgert,
wenn ich gemerkt hätte, daß es wieder einmal weg wäre, und hätte
versucht, es wiederzufinden. Das ist natürlich der beste Weg, es noch
mehr zu vertreiben und sich die Rückkehr unmöglich zu machen. Es geht ja
nicht um ein sensorisches Behagen, um eine angenehme, gemütliche,
bequeme Empfindung. Es geht um ein Wissen, und was man weiß, das weiß
man, und das kann einem nicht wirklich verloren gehen. Es kann nur sein,
daß man sich gerade selbst ablenkt, indem man sich in ein
neues, künstliches Vorhaben hineinsteigert. Darin besteht ja die eigene
Freiheit, und man entscheidet es immer selbst, und deshalb braucht man
sich auch nicht darüber zu beklagen, wenn man sich die eigene Selbstentfremdung
auf den Teller serviert hat.
Wichtig ist die zentrale Erkenntnis, und wer die einmal gewonnen (= wiederentdeckt)
hat, der kann auch Durststrecken verkraften, einfach weil er weiß, daß
es nur Zwischenepisoden sind. Und er wird gelassener und wartet mit Zuversicht,
daß sich die Wahrheit wieder von selbst zeigt. Und entsprechend bereitwillig
zeigt sie sich dann auch wieder.
Aus dieser Warte heraus lassen sich die Abirrungen leichter
entschlüsseln. Man schaut sie sich genau an und untersucht sie und
kommt dann darauf, was sich eigentlich dahinter verbirgt. Und je
mehr man das tut, desto weniger können sie einen noch in ihren
Bann schlagen.
Es gibt kein Handlungs-, kein Verhaltensmodell mehr. Jedes solche Modell ist falsch. Alles kann getan werden, alles ist möglich — aber wiederum nur vor dem Hintergrund, daß gar nichts getan wird, daß nur eines möglich ist: das, was ohnehin in der Logik der Dinge und
Ereignisse liegt. Man fummelt einfach nicht mehr daran herum und macht es dadurch nicht mehr kaputt. Man läßt es in Ruhe, und es ordnet sich wunderbarerweise wie von selbst zu einer perfekten Lösung.
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